Schiller reloaded. Die Wiederentdeckung des Dichterfürsten beim Gehen

Ein Interview mit dem Toruner Fotograf Jacek Chmielewski über ein Geschichtszeugnis jenseits aller ausgetretenen Touristenrouten der Lebkuchen-Stadt.

Die Schillerbank im Vergleich

Zum Ansehen des Videos bitte auf das Bild klicken. Sehen Sie unser kleines Feature auf unserem YouTube-Kanal.

Jacek, beruflich beschäftigst du dich mit Fotografie. Du unterstützt auch zahlreiche Kulturveranstaltungen in der Stadt und hilfst bei deren Organisation. Woher kommt jedoch ausgerechnet das Interesse an dem Bydgoskie Przedmieście?

Die Vorstadt ist wunderschön und voller wunderbarer Geschichten. Von meiner schon verstorbenen Großmutter, einer Leserin sämtlicher Biographien, erfuhr ich von der Tätigkeit eines in der Zwischenkriegszeit dort funktionierenden Künstlersalons. Während meines Studiums wohnte ich dann vor Ort und lebte das Leben dieser Gegend. Morgendliche Einkäufe auf dem Markt an der Ecke des heute längst dichtgemachten Kinos Bałtyk und unzählige Spaziergänge ließen mich mehr und mehr mit der Umgebung verschmelzen. Es kam vor, dass ich mit Freunden eine Art Happening veranstaltete und mich in Trachten aus der Jahrhundertwende verkleidete.

Dank deiner Initiative erstrahlt die Toruner Schillerbank in altem Glanz. Wie bist du auf dieses schon lange in Vergessenheit geratene Kulturerbe gestoßen?

Eines Tages, noch in den 90ern, blätterte ich einmal zusammen mit meinen Eltern ein Album mit alten Thorner Postkarten durch. Auf einer dieser Karten, aus dem Jahr 1909, befand sich die Inschrift „Idyllisches Eck“ – eine Marmorbank, die anlässlich des 150ten Geburtstags von Friedrich Schiller eingeweiht wurde, daneben eine Linde. Ich bildete mir ein, dass es sich heute um einen finsteren Ort zwischen altem Baumwuchs handeln müsste, wenn die Bank nicht schon lange in jemands Grabstein umfunktioniert worden war. Ich lag jedoch vollkommen falsch. Eine solche Bank fanden wir im Stadtpark, an einer für sie scheinbar unerwarteten Stelle: Eingefallen, jedoch gut sichtbar, stand sie am Hauptpfad der Parkanlage. Rund fünf Jahre lang alarmierte ich alle Lokalzeitungen über den miserablen Zustand der Schillerbank. Vergebens, und wenn das Thema mal vorübergehend aufgegriffen wurde, dann weil gerade Kommunalwahlen vor der Türe standen. Während einer Session mit einem im Epochenstil gekleideten Fotomodel verewigte ich die verfallende Bank, die die „bösen Deutschen“ hinterlassen hatten. Geradezu ironisch, dass gerade Schiller seiner Zeit öffentlich gegen die Teilung Polens auftrat.

Zusammen mit dem hiesigen Künstler Wojtek Jaruszewski hast du eine aussagekräftige Performance in der Szenerie der Bank dargeboten. Könntest du uns darüber einiges erzählen?

1999 entstand die Idee, eine Aufführung im Schutze des Denkmals zu organisieren. Mein Freund Wojtek, in Epochentracht gehüllt, hielt ein Manuskript mit der deutschen und polnischen Fassung der „Ode an die Freude“, die er rezitierte und sang. Plötzlich näherte ich mich ihm – als Säufer verkleidet – mit zwei Flaschen  billigem Wein zu, trank ostentativ nicht wenige Schlückchen  davon, um dann die Flaschen vor seinen Füßen zu zerschlagen. Auf ihn flogen Scherben und ergoss sich der alles andere als edle Trunk. Er sang jedoch weiter. Nachdem wir die Bank gereinigt hatten, einigten wir uns das Spektakel „Kulturkampf“ zu benennen. Das Ganze beobachteten einige Schaulustige.

Was spornte dich dazu an, die Bank nicht aufzugeben?

Es war genau völlig anders herum. Als ich gerade  2003 nach Gdańsk umgezogen bin, fingen die Stadtverwalter sich aus dem Nichts für Schiller zu interessieren.

Denkst du, dass der EU-Beitritt dabei die ausschlaggebende Rolle spielte?

Fünf Jahre lang wurde das Thema aufgeschoben und unter den Teppich gekehrt. Ich lag gerade mit meiner Freundin am Strand in Danzig als mein Handy klingelte. Es war ein Redakteur der Toruner Ausgabe der Gazeta Wyborcza, der ein Patronat für das Denkmal vorschlug. Noch bevor ich dies zu Ende denken konnte, fiel mir ein, dass das EU-Beitrittsdatum unseres Landes näher rückte. Es war also nicht die Vorliebe zur Denkmalpflege, sondern das Schamempfinden, dass der Autor der Europahymne, angepisst und eingefallen bis zum Boden, verfällt, das die Toruner wachrüttelte. Im Nu wurde das Denkmal abgebaut und Konservierungsarbeiten unterzogen.

Wer finanzierte die Sanierungsmaßnahmen?

Die Stadt. Wahrscheinlich die Grünanlagenverwaltung. Es gab keine Spendensammlung, die man doch ruhig hätte machen können. Aber die Termine drängten ja…

Hast du schon ähnliche Erfolge zu verzeichnen?

Ja, dank meiner Intervention wurde unter anderem das Kollegium Minus auf die Denkmalschutzliste eingetragen. Manche Bestrebungen missglückten jedoch, wie beispielsweise der Abriss des alten Busbahnhofs gezeigt hat.

Was bedeutet für dich die Schillerbank? Ist es nur ein architektonisches Denkmal oder vielleicht etwas mehr?

Für mich ist sie etwas mehr. Ich kehre dorthin immer wieder gerne zurück.

Denkst du, dass die Rekultivierung solcher Plätze Ausdruck eines gesunden Verhältnisses zur eigenen Identität ist?

Ich bin zufrieden, meinen stillen Beitrag beim Aufbau einer multikulturellen Identität geleistet zu haben. Ich bin vielleicht nicht hundertprozentig über den Ort, an dem sich die Bank zur Zeit befindet, zufrieden, aber sie steht. Rührend ist, dass sie die Wirren der Zeit überdauerte, und das in der Nachbarschaft einer Straßenlaterne und eines Müllkorbes.

Danke für das Interview. Ich denke, dass dein Engagement nicht nur das Stadtbild Toruns, aber auch die Mentalität seiner Einwohner verändern kann. Ich wünsche dir viel Glück bei zukünftigen Projekten! Du hast das letzte Wort.

Lasst uns öffentlich über unsere großen, aber auch kleinen Entdeckungen sprechen und unsere Stimme in Debatten über unsere Stadt erheben.

Mehr zur Schillerbank auf der Homepage des  Vereins Bydgoskie Przedmieście (Weblink)

jż/rm

Leitartikel 04/2011



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s